
(deutsj) Lassen wir vor unserem geistesauge die vierziger und fünfziger jahre vorbeigehen. Gewissermaßen, auch wenn eine menge geschehen ist, eine periode der stille, nach dem krach und gewalt des zweiten weltkrieges. Eine periode des wunden leckens und des mühsamen aufbaus, der monotonie und des kleinen bürgertums, versüßt mit nierentischen und mit der obligatorischen sansevieria. Schauen wir uns die dunkle jahreszeit an, damals: es weht, schnee jagt durch die mit glühbirnen spärlich beleuchteten straßen, in ein paar schaufenster brennt das erste neonlicht, und nur wenige autos stehen geparkt: ründlich und plump sind sie, mit mehr oder weniger großen heckflossen. Es ist eine karge zeit. Brot mit speck. Kartoffeln in buttermilch. Über die welt wird man noch in schwarz-weiß und grau informiert, und die große technicolor erlebnisse sind Die Zehn Gebote und Ben Hur. Die umweltverschmutzung ist bereits im vollen gange, aber wírd noch nicht als solche erkannt, die verschmutzung des äthers ist nahezu noch nicht vorhanden, und der erste Sputnik erhebt sich bald von der erde. Es gibt radios, die mit ihrem grünen auge anzeigen, ob mit dem drehknopf der richtige sender haargenau eingestellt würde. Die klobige radios sehen überhaupt aus wie große Köpfe, mit einer tastatur die aussieht wie ein gebiß aus elfenbein. Und das fernsehen: mit ach und krach gibt es zwei kanäle und eine menge testbild, begleitet von einem ätzenden ton. Etwas zu sehen gibt es erst ab 17.00 uhr, und ab 23.00 uhr ist sense: dann schlafen die menschen. Es gibt ausnahmen, live dokumentären, wie die bestattung von Pius XII im Vatikan, wie er, natürlich in schwarz-weiß und mit störung, auf einer bahre in einen unheimlichen keller getragen wird. Handys sind science-fiction, telephone haben noch die wenigsten, im keller liegen kohlen, und das haushaltsöl kann mann noch am zapfhahn beim krämerladen auf der ecke kaufen (genauso wie zucker und salz, abgemessen und dann in papiertüten geschüttet).
Zu Weihnachten gibt es wenig geschenke, aber einen baum, mit farbigen lichtern und mit sogenanntem 'engelenhaar' silbrig behangen. Alle zukünftige hippies, revoluzzer, grünen und sonstigen barrikadenstürmer spielen noch liegend auf dem boden mit ihren Märklins und Fleischmanns, mit dem ersten Roboter oder versuchen es mit dem Hula Hoop. Elvis schweigt und dafür spielt im radio Jingle Bells. Auch der junge Robert Zimmermann erlebt in der USA zu jedem Weihnachten, diese heimelige atmosphere des tiefwinters in den spätvierzigern, in den fünfzigern. Und jetzt, nachdem er ein halbes jahrhundert lang mit seiner eigenen musik millionen von menschen erreicht hat, beschließt er genau diese art von weihnachtsmusik auf CD zu pressen. Dylan macht weihnachtsmusik. Warum auch nicht? Es gibt bestimmt hunderte argumente um diesen CD "schrecklich", "überflüssig", "Bob nicht würdig...", "grausam..", etc. zu finden. Man braucht nur ein wenig zu googeln um hurden von aufgeregten Dylanologen zu begegnen. Aber Dylan ist nicht nur ein poet und liedermacher, er ist nun mal das musikalische gewissen und das musikalische gedächtnis Amerikas. In seinen launischen radioshows greift er tief in seiner sammlung von amerikanischer musik, und jetzt hat er selbst diesen part übernommen: kitschigste amerikanische weihnachtsmusik zu spielen. Fünfzehn lieder fröhliches weihnachtsgetöse, mit genau in der mitte eine wahre perle: Adeste Fideles (O come all ye faithfull). Mit seiner kratzbürstenstimme singt Dylan latein. Wer da nicht eine träne wegwischt, ist noch nicht würdig genug um (dylanesken) Weihnachten zu feiern!
Ich sage zu dem ganzen nur: wunderbar! Man kann den Weihnachtsgans schon riechen.
Joseph Canaillo





